Budapest > MOL Jazzfestival

In dieser Band fühlt sich Joachim Kühn pudelwohl. Das MKMB Quartet (der Bandname ist abgeleitet von den Anfangsbuchstaben der Nachnamen der vier Bandmitglieder) lässt dem Tastenirrwisch mit Wohnsitz Ibiza alle Freiheiten für wildes, ekstatisches Klavierspiel. Und zugleich setzen Kühn, Drummer Christophe Marguet, Saxofonist Christophe Monniot und Bassist Sébastien Boisseau auf wunderschöne Melodien, auf Harmonien und auf ein ausgewogenes Zusammenspiel und fein ausbalancierte Klangbilder.

Die drei Franzosen und der Deutsche beendeten das 7. MOL Jazzfestival in Budapest mit einem fulminanten, fantastischen Konzert. "Émotions Homogènes" heißt die nagelneue, erste und sehr empfehlenswerte CD dieses Quartetts auf BMC, dem einzigen Jazzlabel Ungarns. Einen passenderen Titel hätte man für diese Musik nicht finden können. Diese Platte ist nur eine der neuen BMC-Veröffentlichungen. Das Label des Budapest Music Center existiert seit fast 15 Jahren und kann mit seinen circa bisherigen 160 Veröffentlichungen, darunter die meisten mit Beteiligung ungarischer Musiker, aber eben nicht ausschließlich, wie MKMB beweisen, auf eine beachtliche Geschichte verweisen.

Das MOL-Jazzfestival, der ungarische Mineralölkonzern MOL ist Hauptsponsor und Namensgeber, ist Ungarns größtes Jazzfestival. Fünf Tage lang hatten die Macher vom Budapest Music Center in diesem Jahr ein interessantes Programm mit heimischen und internationalen Künstlern zusammengestellt. Nicht selten gab es auch direkte Kooperationen. So gesellte sich beim Auftaktkonzertabend im vor einigen Jahren neu erbauten Palast der Künste Sänger Gábor Winand für einige Stücke zum Quartett des belgischen Kollegen David Linx. Allerdings verströmten beide nicht den ganz großen Glanz. Saxofonist Viktor Tóth, einer der jungen ungarischen Himmelsstürmer, der mit "Tartim" gerade bei BMC ein packendes neues Album mit eigenen Stücken unter anderem mit Hamid Drake veröffentlicht, spielte mit US-Veteran Henry Franklin am Kontrabass und dem schwedischen Trommler Robert Ikiz einen Set, der wie die Platte andeutete, welches Potenzial in Tóth steckt, der über einen wunderbaren Ton und einen großen Ausdruck auf seinem Saxofon verfügt.

Eine echte Überraschung war das litauische Quartett Saga. Der Vierer aus Vilnius um den Saxofonisten Liudas Mockūnas packte das Publikum im atmosphärischen Trafó, einem neuen Festivalspielort, mit hoher Virtuosität und einem Mix aus freien und avantgardistischen Momenten und starken Melodien. Dass so viele baltische Musiker beim Festival gastierten, es traten auch noch Lars Danielsson, Hans Ulrik oder Lotte Anker mit ihren Bands auf, lag an der Integration des Baltic Sea Festivals ins MOL Jazzfestival. Dänemark, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Schweden, Polen und für Deutschland das Goethe-Institut präsentierten gut einen Monat lang Film, Literatur, aber eben auch Musik dieser Länder in Budapest.

Das Budapester Goethe-Institut war zudem federführend in der Organisation des Kolloquiums "Jazz and Identity" in den eigenen Räumen. Unter der Leitung von Bert Noglik diskutierten aus Deutschland Christian Broecking und Ekkehard Jost mit Kollegen aus Ungarn und Frankreich über Identitätsfragen des Jazz in den drei Ländern – und über Jazz allgemein, denn schnell wurde klar: Der Jazz, philosophisch betrachtet, bietet viel mehr Diskussionsstoff als in wenigen Stunden Gesprächen umfassend besprochen werden kann. Dennoch: die Einblicke waren interessant. Und was den ungarischen Jazz betrifft, so betrachten junge Leute den Jazz als zunehmend trendy, wie Kornél Zipernovszky vom Budapest Music Center anmerkte. Finanziell sei es aber nach wie vor schwierig, etwa einen Jazzclub in Ungarn professionell zu führen. Und staatliche Subventionen seien die treibende Rolle für die Verbreitung des Jazz. Immerhin, die Lage habe sich in den letzten 20 Jahren deutlich verbessert und das Niveau des ungarischen Jazz sei heute sehr hoch und könne mit Europa mithalten, meint Kornél Zipernovszky – was das MOL-Jazzfestival durchaus belegte.

Aber auch Musiker aus anderen Ländern begeisterten. Das Emile Parisien Quartet aus Frankreich etwa. Eigentlich sollte der Saxofonist Emile Parisien mit der Band des Posaunisten Georgi Kornazov spielen. Doch der musste erkrankt absagen. Da brachte der Franzose eben sein eigenes Quartett mit und lieferte ein hochenergetisches, mitreißendes Konzert ab. Wie übrigens auch der Berliner Saxofonist Daniel Erdmann, der mit seiner Band Erdmann 3000 verschachtelte Grooves und freie Improvisationen verknüpfte zu einer Musik, die frischer kaum klingen könnte. Frisch und individuell musizierte auch das Trio der beiden Fanzosen Alban Darche (Saxofon) und Sébastien Boisseau (Kontrabass) mit dem ungarischen Gitarristen Gábor Gadó, das an drei Abenden vor Livepublikum eine CD für BMC einspielte. Mit einer Musik, in der drei starke Individualisten herrlich miteinander kommunizierten. Dass in Budapest zum Zeitpunkt des Festivals die ganze Zeit herrlich warmes Spätsommer-Wetter Trumpf war, rundete schließlich einen musikalisch vielseitigen und spannenden Trip ab. Text & Fotos: Christoph Giese.

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