Kristiansand > Punkt Jazzfestival

Kristiansand, 6.9.2010 | Singing/Songwriting, estische Chorlieder, betäubend laute Rockmusik, HipHop – das "Punkt" Festival 2010 kannte einmal mehr keine musikalischen Grenzen. Die Offenheit und Neugier der beiden Festivalmacher Jan Bang und Erik Honoré ist aber nur eine Facette der drei langen Festivaltage im südnorwegischen Kristiansand.

Die andere, höchst spannende und einzigartige ist das Festivalkonzept der unmittelbar nach den eigentlichen Konzerten im großen Saal im kleinen, engen Alfa Room im Theaterkeller stattfindenden Live-Remixe des soeben Gehörten. Da sang der Segakoor Noorus aus Estland Choralwerke des 80-Jährigen estischen Komponisten Veljo Tormis. Geschickt loopte anschließend Maja Ratkje die Gesangslinien und nutzte sie als Basis für ihren mit Klackgeräuschen aber leider zu frickeligen und überfrachteten Remix. Besser auf den Punkt brachten es da schon DJ Strangefruit und Knut Sævik von der Band Mungolian Jet Set, die das Konzert der zauberhaften Singer/Songwriterin Unni Wilhelmsen remixten und aus den zarten Liedern aus dem Leben eine klanglich verschachtelte, düstere und kurz gar zum Dancefloor herüberschielende Elektronikreise machten. Auch der Remix von Jan Bang, Erik Honoré und Sidsel Endresen vom Konzert des isländischen Bassisten und Gitarristen Skúli Sverrisson, der im Quartett mit Tastenmann David Thor Jonsson, der Cellistin Hildur Gudnadottir und dem Geiger Eyvind Kang eine wunderbar meditative, wenn auch repetitive Musik spielte, verzichtete auf unnötigen technischen Schnickschnack, sondern interpretierte die Stimmung des Konzertes auf ganz individuelle Weise.

Eine echte Überraschung gab es beim diesjährigen "Punkt". Ex-Led Zeppelin-Bassist John Paul Jones, eigentlich nur als zuhörender Gast vom Festival eingeladen, spielte spontan beim Auftritt von Supersilent mit. Und das ganz ordentlich, auch wenn der gute Supersilent-Gig nicht die Dichte hatte, nicht haben konnte, als wenn das Trio um Arve Henriksen ohne Gast spielt. Was das bedeutet, zeigte im Abschlusskonzert des Festivals das aktuelle Trio von Trompeter Nils Petter Molvær, das den Zuhörer auf eine immer packende Klangreise zwischen Meditation und Ausbruch mitnahm. Am meisten im Fokus stand in diesem Jahr jedoch die Live-Umsetzung von Jan Bangs auf David Sylvians Samadhisound-Label erschienenen Debütalbum "… and poppies from Kandahar". Eine Platte, die die ganze Magie und das Sound- und Musikverständnis des Klangtüftlers aus Kristiansand widerspiegelt. Und mit Jon Hassell, Arve Henriksen, Sidsel Endresen, Lars Danielsson und Erik Honoré waren etliche bei der Platte beteiligten Musiker auch live im Agder Teater dabei. Und entführten den gespannten Zuhörer in dunkle, emotionale, schwebende Sphären, die aber kompositorisch verlinkt waren. Die Sounds und Samples wirkten hier ebenso organisch wie das live von den Musikern gespielte. Jan Bang hat ein Meisterwerk abgeliefert, auf Tonträger und auch live beim "Punkt" Festival. Keine einfache Aufgabe für die Remixer um Klangmagier Dino J.A. Deane und Saxofonist Håkon Kornstad, die es aber bestens verstanden, den Fluss des originalen Konzertes in ihrer Interpretation mitzunehmen. Spannende Seminare tagsüber rundeten das Programm von "Punkt" ab. So spielten etwa Supersilent einen kurzen Live-Set, bevor sie sich den Fragen des Publikums stellten und bereitwillig erklärten, wie ihre vollkommen improvisierte Musik bei den Konzerten entsteht und funktioniert.

Schön an "Punkt" ist auch das nach wie vor intime Ambiente. Musiker, Journalisten und Zuhörer treffen sich im Theater-Foyer oder vor der Tür ganz zwanglos auf einen Plausch. Im nächsten Jahr wird das ein wenig heruntergekommene, aber sehr charmante Agder Teater noch einmal Spielort für das Festival sein. Ab 2012 ist dann das sich derzeit noch im Bau befindliche "Kilden" eröffnet – ein riesiges, multifunktionales Performing Arts Centre, das Oper, Philharmonie und Theater unter einer Regie führen und auch das "Punkt" Festival beherbergen wird. Jan Bang und Erik Honoré können sich also schon mal Gedanken machen, wie sich die bislang einzigartige Festival-Atmosphäre in das moderne Gebäude transportieren lässt.

Text & Fotos: Christoph Giese