Montréal > "Festival International de Jazz de Montréal"

So viel Lob ist sicher auch eine Höflichkeitsfloskel des medienerprobten Gitarristen und Sängers. Aber der Mann hat Recht: Das "Festival International de Jazz de Montréal", das noch bis zum kommenden Dienstag läuft, ist ein fantastisches Jazzevent. Das größte auf diesem Planeten ohnehin. Zwölf Tage dauert es. An die 3.000 Musiker unterhalten das Publikum auf dem ein Quadratkilometer großen Festivalgelände mitten im Herzen von Kanadas zweitgrößter Stadt den ganzen Tag lang. Von den 650 Konzerten sind ungefähr die Hälfte umsonst und draußen. Trotzdem sind die kostenpflichtigen Auftritte in den vielen alten Clubs und schönen Theatern ebenfalls durchweg gut besucht. Eine ganze Stadt lebt eben den Jazz – und lockt damit viele Besucher aus den USA und aus aller Welt an.

Zu hören gab es dieses Jahr wieder eine kunterbunte Palette an Musik. Vom Eröffnungskonzert mit dem Brian Setzer Orchester, das mit messerscharfen Bläsersätzen den Rockabilly-Swing des "Stray Cats"-Gründers mit Energie vollpumpte, von Lionel Richie, der im entspannten Theater-Ambiente leider nur eine Effekt heischende Mitklatsch-Pop-Party veranstaltete, von Soul-Legende Smokey Robinson, der seine alten Hits immer noch bestens drauf hat, aber ein wenig zu viel herumplauderte, bis zu Entdeckungen wie dem Franco-Libanesen Ibrahim Maalouf (am 4. Juli beim Traumzeit-Festival in Duisburg zu hören!), der seinen energievollen, rockgeschwängerten Jazz geschickt mit orientalischen Melodielinien auf der Trompete verziert.

Bei soviel Zeit und Auftrittsorten lassen sich in Montréal ganze Reihen gestalten. Mehrere, allesamt aufregende Flamenco-Abende brachten mit den Pianisten Dorantes und Chano Dominguez oder dem Sänger Diego "El Ciagala" die Creme der Flamenco-Szene Spaniens nach Kanada.

Überhaupt sind europäische Musiker stark beim Festival vertreten. Der sardische Trompeter Paolo Fresu durfte gleich drei Kollaborationen vorstellen. Im Duo mit dem kubanischen Pianisten Omar Sosa setzten beide auf gesampelte Sounds, die sich ganz organisch mit dem live gespielten zu sehr atmosphärischen Klangbildern zusammensetzten. Auch gemeinsam mit dem Trompeter Nils Petter Molvaer und dem Drummer Manu Katché aus Frankreich, der wiederum ebenfalls mehrere Abende zur Verfügung hatte, wurde an den Knöpfen gedreht und mit Sounds experimentiert.

Und dann stößt man beim Festival immer wieder beim Umherflanieren auf dem Gelände auf ganz Unbekanntes. Etwa auf das Quartett "Ekotones" aus Montréal, das ebenfalls einen elektrifizierten, manchmal rauen, aber prima groovenden sphärischen Jazz spielt. Oder auf den "Rhodes Trip" von Tomisheep. Dahinter verbirgt sich der inzwischen in Montréal beheimatete, gebürtige Ungar Tamas Barany, der auf dem Fender Rhodes-Piano mit seiner Band einen vergnüglichen loungigen Jazz mit Afro-Latin-Feuer würzte. Ein echtes und sympathisches Live-Erlebnis, wie so vieles beim diesjährigen Jazzfestival in Montréal. Text: Christoph Giese; Fotos: Montreal Jazz Festival.

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