Die neue Offenheit beim "Oslo Jazz Festival" 2010

Oslo, 26.8.2010 | Der Mann strahlt, lässt sich vom Publikum feiern. Die nach langer Renovierungszeit jetzt wieder geöffnete Domkirche mitten im Stadtzentrum von Oslo ist wieder Spielort des "Oslo Jazz Festival". Und in erstmaliger Kooperation mit dem Oslo Chamber Music Festival gab es einen besonderen Abend zu erleben. Der Pianist und Komponist Erlend Skomsvoll, der schon mit Pat Metheny oder Chick Corea musizierte, führte in Oslos größter Kirche zusammen mit dem Norwegischen Radio Orchester, zwei Chören, der Sopranistin Brigitte Christensen und Norwegens wohl berühmtesten Geiger, Arve Tellefsen, sein Werk "Requiem" auf - zum zweiten Mal überhaupt. Letztes Jahr war in Trondheim die Weltpremiere. Und nein, das war kein Jazz, sondern eine vielschichtige, schillernde Messe für Chor und Orchester. Voller Klangfarben und emotionaler Höhepunkte, großartig dirigiert von Peter Szilvay und sensibel begleitet von Erlend Skomsvoll auf dem Konzertflügel.

Dieses Konzert zeigte einmal mehr den Wandel und die neue Offenheit beim "Oslo Jazz Festival", seit Edvard Askeland vor vier Jahren die Leitung übernommen hat. Bei Askeland muss es nicht unbedingt immer Jazz sein. Und so spielte in der reinen Kulturkirche Jakob mit dem Ensemble des Pianisten Christian Wallumrød gleich noch jemand, dessen Kunst sicher kein Jazz ist. Eine leise, moderne Kammermusik voller feinsinniger Interaktionen von Geige, Harfe, Trompete, Cello und Schlagwerk intonierte Wallumrød in der dunklen, von künstlichem Nebel durchzogenen, sehr atmosphärischen Kirche. Und bot damit einen kaum größer zu gestaltenden Kontrast zum Auftritt von Supersilent direkt danach im Parkteatret. Trompeter Arve Henriksen, der schon länger auch Schlagzeug spielt bei Supersilent, hat den Weggang des etatmäßigen Drummers Jarle Vespestad schon vergessen lassen. Noch dichter wirkt die Musik des nun verbliebenen Trios. Von wunderschönen, zarten Trompetenklängen bis zu noisigen, avantrockigen Ausbrüchen gestalteten Supersilent einmal mehr ein in sich stimmiges Set. Darin sind sie echte Meister, was man auch auf dem neuen, erstaunlich zugänglichen Album "10" (rune grammofon/Cargo) hören kann.

Das diesjährige Festivalprogramm hatte einige so strahlende Konzerte. Das um den finnischen Pianisten Alexi Tuomarila erweiterte Mats Eilertsen Quartet brillierte einmal mehr in einem kleinen Club. Mit einer fließenden, beseelten und trotz öfter nach vorne drängender herrlich in sich ruhender Musik. Warum der Bassist und wunderbare Komponist aus Tord Gustavsens Band noch nicht als Bandleader in Deutschland wahrgenommen wird – die Clubbetreiber und Festivalmacher sollten sich Eilertsens Band unbedingt mal live ansehen. Auch so manche, junge Nachwuchsband konnte sich beim Festival hören lassen. Das Stian Around a Hill Quartet um den Trompeter Stian Omenås etwa, das zu einem kurzen Gig im Grand Hotel vorbeischaute. Und dabei mit ausschließlich eigenen Kompositionen einen lyrischen, mit Improvisationen durchsetzten, typisch nordisch klingenden modernen Jazz spielte. Auch Chili Vanilla haben Potenzial. Auf einer kleinen Open Air-Bühne durften sich jeden Tag junge Bands präsentierten und Sängerin Synne Sanden, Tuba-Spieler Steffen Granly und Schlagzeugerin Siv Øyunn Kjenstad alias Chili Vanilla machten dabei mit ihrem groovenden Jazzpop mit die beste Figur.

Eine gute Figur bot auch Altstar Archie Shepp. Von der Avantgarde ist der Amerikaner längst zurück bei Blues und Klassikern des Jazz gelandet. Aber die interpretiert er mit seinem famosen Quartett hinreißend. Und in seiner Nummer "Revolution" schimmerte noch eine deutliche Spur von politischem Protest durch und vor allem viel von der Spiritualität eines John Coltrane. Mit Ornette Coleman und Toots Thielemans eröffneten gar zwei Jazz-Veteranen das "Oslo Jazz Festival" mit hörenswerten Auftritten. Das "Trio of Oz" ist dagegen neu. Pianistin Rachel Z, der hypervirtuose Drummer Omar Hakim und die fantastisch klingende Maeve Royce am Bass unterhielten bestens mit ihren energiegeladenen Jazz-Interpretationen von Popklassikern und überraschten im zweiten Set mit den Stargästen Mike Mainieri und Bendik Hofseth. Und mit dem Trio Ketil Bjørnstad (Piano), Tore Brunborg (Saxofone) und Jon Christensen (Schlagzeug) beschlossen drei renommierte Norweger mit einem rein akustischen, beseelten Auftritt in der Domkirche zu später Stunde das sechstägige Festival, dessen Bandbreite inzwischen kaum größer sein könnte.

Für das nächste Jahr hat Edvard Askeland übrigens schon Pläne. Noch mehr akustische Konzerte möchte er bei seinem Festival anbieten. Vielleicht in der alten Oper von Oslo und wahrscheinlich in der Sinfonie. Ein toller Saal mit 800 Plätzen, schwärmt Askeland über den letzteren. Und zum dann 25-Jährigen Jubiläum hat der Festivalboss noch eine ganz reizvolle Idee: Ein Konzert direkt an der neu erbauten Skisprungschanze, dem legendären Holmenkollen, hoch über der Stadt. Ganz früher, erzählt Askeland, wurden die Skispringer immer mit Trompetenspiel zum Sprung aufgefordert. Bald ertönt dort vielleicht der Jazz. Text & Fotos: Christoph Giese

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