Premiere in Ystad | 1. Ystad Sweden Jazz Festival

Ystad, 10.8.2010 | Für jemanden, der noch nie ein Buch von Henning Mankell gelesen hat und vor allem seinen Kommissar Wallander nur vom Hörensagen kennt, für den ist der Trip nach Ystad erst einmal keine aufregende Reise. Doch seit diesem August ermittelt nicht nur Kommissar Wallander in der südschwedischen Hafenstadt, auch der Jazz ertönt lautstark.

Und das alles ist, wie bei so manchem Kriminalfall, durch Zufall passiert. Der schwedische Pianist Jan Lundgren traf im August letzten Jahres in einem Zug vom Flughafen Kopenhagen nach Ystad zufällig auf Thomas Lantz, der zu jener Zeit noch Bürgermeister von Ystad war. Und Lundgren schwärmte Lantz, den er zuvor nur wenige Male überhaupt getroffen hatte, von Paolo Fresus "Time in Jazz"-Festival in Sardinien vor, von dem er gerade kam. Lass uns ein Jazzfestival in Ystad machen, schlug der Bürgermeister dem Pianisten spontan vor. Zwölf Monate später steht die Premiere vom "Ystad Sweden Jazz Festival" - und für drei Tage die sympathische südschwedische Kleinstadt nicht nur im Fokus von Kriminalermittlungen, sondern von jazzigen Tönen.

Ein buntes Programm hat Jan Lundgren, der in der Nachbarregion geboren wurde und seit einigen Jahren neben Stockholm nun auch in Ystad lebt, zusammengestellt. Natürlich ist auch Paolo Fresu dabei, mit seinem ausgelassen rockigem und vor Kraft strotzendem Devil Quartet. Im wunderschönen alten Theater der Stadt aus dem Jahre 1894, dem Hauptspielort des Festivals, unterhält Altmeister Benny Golson mit dem Antonio Ciacca Trio und einem Streifzug durch die Jazzgeschichte ganz prima. Aber erst das Trio Rusconi bringt so richtig frischen Wind in die alten Gemäuer. Die ganz eigenen Interpretationen der Schweizer von Stücken der US-Rockband Sonic Youth preschen gewitzt und energiegeladen nach vorne. Ein manchmal wildes, aber fein durchdachtes Hörvergnügen. Letzteres gilt auch für das Projekt "Magnum Mysterium", ein Zusammentreffen von Jan Lundgren, dem schwedischen Bassisten und Cellisten Lars Danielsson und dem Gustaf Sjökvists Kammarkör. In das Theaterambiente passt diese Mischung aus Renaissance-Chorwerken von Monteverdi oder di Lasso und jazzigen Improvisationen bestens hinein - und für Lundgren ist der Auftritt in Ystad der beste, den dieses Projekt je hatte. Zu später Stunde, die letzten der jeweils fünf Konzerte pro Tag beginnen um 23 Uhr, entlässt einen diese Musik, bei der die stilistischen Schnittstellen dieses Ensembles genial verwischen, beseelt in die kühle, klare Nachtluft von Ystad.

Auch Lars Danielssons Projekt "Tarantella" begeistert. Mit Pianist Leszek Mozdzer, Gitarrist John Parricelli und Drummer Magnus Öström hat der Schwede drei große Klanggestalter an seiner Seite, die mit dafür sorgen, dass diese so leichtfüßige, mal verträumte, mal schwungvoll schäumende Musik voller sprudelnder Ideen und Zwiegesprächen herrlich fließt. So wie auch das "European Standards"-Projekt von Jan Lundgrens Trio. Mit dem bei dem Festival omnipräsenten Bassisten Mattias Svensson und dem Schlagzeuger Zoltan Csörsz Jr. setzt Jan Lundgren Lieder aus verschiedenen Ländern Europas in einen packenden, jazzig-melodiösen Kontext.

In dem über 100 Jahre alten Salzseebad "Saltsjöbaden", direkt am Baltischen Meer gelegen, waren nicht nur die Musiker bestens untergebracht, die Terrasse mit direktem Blick aufs Meer und ein Saal dienten auch als Spielort für die Vokalkonzerte des Festivals. Und hier stach neben der kraftvollen Performance des Quartetts von Viktoria Tolstoy vor allem der Duoauftritt von Gitarrist Ulf Wakenius mit der Südkoreanerin Youn Sun Nah heraus. Wie zart und schüchtern wirkt die Sängerin. Doch wenn sie zu singen beginnt, erliegt man ihrer Riesenstimme, die einfach alles kann. Spannend improvisieren, Töne modulieren, Geschichten ohne große Worte erzählen. Ein Highlight, wie auch das Abschlusskonzert im Theater. Denn da verzauberte Richard Galliano solo auf seinem Akkordeon mit soviel Hingabe und Seele, dass es mal wieder stehende Ovationen gab.

Über 3.000 Tickets hat die Crew um Jan Lundgren und Thomas Lantz bei der Festivalpremiere verkauft. Da sich ein Großteil des Budgets aus den Ticketverkäufen speist, war das gut und wichtig. Es sei sogar Geld übriggeblieben. Für nächstes Jahr, meint Jan Lundgren. Und obwohl es sehr viel Arbeit gewesen sei, das Festival vorzubereiten, und er eigentlich so viel Zeit gar nicht habe, weiß der Schwede schon jetzt, dass er 2011 wohl wieder im Stress sein wird. Mit dem ersten "Ystad Sweden Jazz Festival", das schon in diesem Jahr Publikum aus Malmö, Kopenhagen, Göteborg, Stockholm oder gar Polen anlockte, hat Jan Lundgren in Ystad was losgetreten. Sein Kollege und Freund Paolo Fresu gibt ihm auf Anfrage sicher den einen oder anderen Tipp, um den alljährlichen Stress, ein eigenes Festival zu organisieren, gut zu bewältigen. Text & Fotos: cg